Warum auch die besten Piloten jeden Tag etwas dazu lernen
Ein Freund von mir fliegt für die Bundeswehr. Als er mir letztens von seinem Berufsalltag erzählte, blieb ich an einem Detail hängen: Nach jedem Flug – ob Routineübung oder Ernstfall – gibt es ein Debriefing. Und dabei gilt eine ungeschriebene Regel: Es ist nicht akzeptiert, aus einem Debriefing zu gehen, ohne mindestens einen Punkt gefunden zu haben, den man beim nächsten Mal besser oder anders machen kann.
Kein "war doch alles gut". Keine Ausnahme für erfahrene Piloten. Immer die Frage: Was war heute unsere kleine Stellschraube?
Das fand ich faszinierend weil es für mich auch ein klassisches Lean Prinzip widerspiegelt - das Streben nach Perfektion. Erreichbar ist diese nicht. Ich habe zunächst aber vermutet es geht auch darum, keine Nachlässigkeit zuzulassen und einer vielleicht entstehenden Arroganz über das eigene Können entgegenzuwirken.
Ich habe also mal genauer nachgeforscht. Was ich dort gefunden habe, erklärt, warum diese Praxis beim Militär seit Jahrzehnten Standard ist.
Was die Wissenschaft sagt:
Scott Tannenbaum und Christopher Cerasoli haben 2013 eine Meta-Analyse veröffentlicht, die 46 Studien zu Debriefings zusammenfasst – im Militär, in der Medizin, in der Luftfahrt und in Unternehmen.
Das Ergebnis: Debriefings verbessern die Leistung im Schnitt um 25 % gegenüber Gruppen, die kein Debriefing durchführen.
Selbst wenn man die drei stärksten Einzeleffekte herausrechnet, um Ausreißer zu vermeiden, bleiben immer noch 21 % übrig. Und das bei einer durchschnittlichen Debriefing-Dauer von gerade einmal 18 Minuten.
Drei Dinge fand ich dabei besonders bemerkenswert:
1. Es geht nicht um große Würfe, sondern um kleine, ehrliche Korrekturen. Genau wie bei meinem Pilotenfreund: Debriefings funktionieren nicht, weil sie einmal im Jahr eine riesige Kurskorrektur bewirken. Sie funktionieren, weil sie kontinuierlich stattfinden und dabei immer wieder kleine Stellschrauben identifizieren. Die Studie nennt das "emergentes Lernen" – ein iterativer Prozess aus Reflexion und Anpassung.
2. Struktur schlägt Zufall. Wer regelmäßig, mit klarem Fokus und in ausgerichteter Runde debrieft, erzielt bessere Ergebnisse als unstrukturierte "Wie war's"-Gespräche. Bei Teamleistung konnten strukturierte Debriefings die Gruppenperformance um bis zu 38 % steigern.
3. Selbstentdeckung wirkt stärker als Belehrung. Der entscheidende Unterschied zwischen einem echten Debriefing und einer reinen Manöverkritik: Die Teilnehmenden sollen ihre Erkenntnisse selbst erarbeiten, statt sie vorgesetzt zu bekommen. Genau das macht den Unterschied zwischen "das hat mir jemand gesagt" und "das habe ich selbst verstanden".
Was das für uns im Arbeitsalltag heißt
Man muss keinen Eurofighter fliegen, um von dieser Kultur zu profitieren. Die Frage "Was können wir beim nächsten Mal ein Stück besser machen?" lässt sich nach jedem Meeting, jedem Projektabschnitt, jedem Kundenauftrag oder am Ende jeder Woche stellen – vorausgesetzt, man macht sie zur festen Gewohnheit statt zur Ausnahme.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Unterschied zwischen Teams, die sich Jahr für Jahr steigern, und solchen, die auf der Stelle treten: Nicht die eine große Erkenntnis, sondern die konsequente Bereitschaft, nach jedem Flug eine Antwort auf die Frage zu haben – "Was verbessern wir?"
Die handliche "Debriefing" - Karte mit dem Ablauf finden Sie auf der Website zum Download.
Quelle: Tannenbaum, S. I., & Cerasoli, C. P. (2013). Do team and individual debriefs enhance performance? A meta-analysis. Human Factors, 55(1), 231–245.

